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Bei „aller Überheblichkeit oder Ungeduld des Bourgeois gegenüber dem ärmeren Bildungsbürger und bei aller Verachtung des Professors gegen den Spekulanten gehörten dennoch nach bürgerlichem Empfinden Kultur und Bildung (bzw. das Streben danach oder deren Förderung) zu den wesentlichen Attributen der Bürgerlichkeit.“ (Kondylis: Niedergang, S.44)

Das Bürgertum war die erste Klasse in der Geschichte , die ihren „eigenen Herrschaftsanspruch mit der grundsätzlichen Forderung nach Öffnung der Gesellschaft und nach freier Entfaltung der in ihr konkurrierenden Kräfte verbunden hat." (Kondylis: Niedergang, S.51)

Indirekt sagt Kondylis, dass das Bürgertum weiter existiert, wenn er von der "zeitgenössische[n] weltweite[n] soziale[n] Wirklichkeit" spricht, "in der der Trichter der Massendemokratie jede andere Hierarchie außer derjenigen des Reichtums nivelliert hat" (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

»Der neuen Phase in der Geschichte des Kapitalismus entspricht eine neue Phase in der Geschichte des Bürgers und des Bürgertums« (Niedergang, 184)

»Trotz dieser Zusammenwirkung von mehreren heterogenen Faktoren in einem fast unentwirrbaren Geflecht dürfen wir legitimerweise von bürgerlicher Philosophie genauso reden wir auch den Terminus ›Bürgertum‹ bei aller inneren Vielfalt, ja Widersprüchlichkeit seines soziologischen Gehalt nicht entbehren können« (Niedergang, 134f)

»›Das‹ Bürgertum war ja selbst eine höchst heterogene Schicht, deren Grenzen nach oben und nach unten immer schwer definierbar blieben«  (Niedergang, 134)

»Die hier getroffene Unterscheidung zwischen faktischem und idealem Handeln … hängt … mit der soziologisch gleichermaßen notwendigen Unterscheidung zwischen Bürgertum und Bürgerlichkeit zusammen, welche besagt, daß nicht alle Menschen, die von ihrer materiellen Lage und ihrem Beruf her als Bürger zu bezeichnen waren, dem bürgerlichen Lebensstil folgten und sich der bürgerlichen Symbolsysteme bedienten. Umgekehrt konnte es sich freilich auch verhalten: dank der Wirkung der sogenannten ›Kultursenkung‹ bemühten sich solche Schichten um die Übernahme der genannten Symbolsysteme und Lebensformen, die auf Grund ihrer Stellung im Produktions- und Distributionssystem keine Bürger, höchstens ›Kleinbürger‹ waren.« (Niedergang, 37)

»Die bürgerliche ökonomische, politische, ethische und kulturelle Praxis wurde nicht immer direkt und bewußt aus der bürgerlichen Weltanschauung abgeleitet, wie sie im Vorigen geschildert wurde; die handelnden bürgerlichen Subjekte mußten sich also nicht über bestimmte Deutungen der Natur, des Menschen oder der Geschichte im Klaren sein, um in einer Art und Weise tätig sein zu können, die als bürgerlich bezeichnet werden darf.« (Niedergang, 37)

»Auch in diesem Falle hing die Verschiebung auf der Ebene der Theorie mit einer Abschwächung der sozialen Stellung des Bürgertums zusammen … so konnte er sich als solcher von dem Augenblick an nicht mehr behaupten oder entfalten, in dem an die Stelle des Familienunternehmens Konzerne, Trusts oder Banken traten, deren Funktionieren auf eine eigenständige und bleibende Schicht von Spezialisten, Technikern und Verwaltern angewiesen war« (Niedergang, 183)

»Wir sind in die Phase eingetreten, in der das Bürgertum bzw. die Unternehmerklasse, wie alle anderen Schichten und Gruppen auch, auf die Maßnahmen … des Staates angewiesen ist …« (188)

»… der Bürger ist längst tot, und der Unternehmer oder Manager, die an seine Stelle getreten sind …« (Niedergang, 208)

»Die frühe und rasche Verbreitung sowie die zunehmende Salonfähigkeit von Kulturgut, das ursprünglich in den unteren sozialen Schichten beheimatet war (Tango, Jazz etc.) bildet ein zusätzliches Zeichen für den Sieg des Bohemiens, der Halbwelt - und der Massengesellschaft über den Bürger« (Niedergang, 66)

»Das Bürgertum, das inzwischen kein Bürgertum im vollen historischen und soziologischen Sinne des Wortes mehr ist, sondern im großen ganzen ebensoviel wie die Unternehmerklasse bedeutet, weiß, daß es den Einfluß über den Staat mit demokratischen Kräften teilen muß; da Wirklichkeit und Macht dieses Staates ohnehin unübersehbar sind, so ist es gezwungen, um solchen Einfluß zu kämpfen – und dieser Kampf ist Kampf um den Einsatz eines Staates, der nicht mehr der bürgerliche sein kann, für bürgerliche Zwecke« (Niedergang, 187f)

»Solange der bürgerliche Liberalismus seine oligarchischen Züge mehr oder weniger intakt bewahrte, konnte oder wenigstens wollte er den Staat für die eigenen Zwecke einsetzen, obwohl man andererseits unterstreichen muß, daß ihm dies nie auf der ganzen Linie gelungen ist, da er die politische Herrschaft bald mit dem Adel, bald mit einem starken Bauerntum, bald mit militärischen Bürokratien hat teilen müssen« (Niedergang, 187)

»Ein starker und effektiver Staat wird dann verlangt, wenn es um den Schutz bürgerlicher Eigentumsrechte und um die Verteidigung jener sozialen Ordnung geht, in der derartige Rechte gedeihen; solches Verlangen kann manchmal im Verzicht auf den politischen Liberalismus zur Rettung des wirtschaftlichen gipflen. Den demokratischen Forderungen nach politischer Lenkung der Wirtschaft und insbesondere dem Ausbau des Versorgungs- und Sozialstaates wird im Gegenteil die Losung ›weniger Staat!‹ gegenübergestellt.« (Niedergang, 187)

»Die historische und soziologische Analyse darf nicht der optischen Täuschung zum Opfer fallen, die aus der Verwechslung des Schicksals von physischen Personen mit dem Schicksal von geschichtlich-sozialen Typen und Kategorien entsteht. Zweifelsohne haben viele bürgerliche Familien über Generationen hinweg ihren höheren sozialen und wirtschaftlichen Status behaupten können, das haben sie aber in der Regel nicht als Träger der Bürgerlichkeit und der bürgerlichen Lebenshaltung und Wertskala getan, sondern ganz im Gegenteil nur insofern, als sie die Rollen und Funktionen haben übernehmen und bewältigen können, die in der neuen Lage den Ausschlag gaben; die Tatsache, daß sie bereits der oberen Sicht angehörten, gab ihnen allerdings gute Anfangschancen …«  (Niedergang, 184)

»… der Begriff der Kultur … wurde selbst dann im allgemeinen für spezifisch bürgerlich gehalten, als das Bürgertum anfing, adelige Kultur- und Lebensformen zu übernehmen. Denn diese Übernahme erfolgte zu einer Zeit, in der sich das Bürgertum im Aufstieg befand, oder sogar erst nach seiner (wirtschaftlichen, wenn auch nicht politischen) Durchsetzung, als es der früheren polemischen Symbolik der Abgrenzung im Sinne des puritanischen Geistes oder des schlichten Klassizismus nicht mehr bedurfte, der Adel hingegen nur Prunk und Repräsentation anzubieten hatte. Bei aller Rede von der ›Feudalisierung des (Groß)Bürgertums‹ darf nicht vergessen werden, daß diese ›Feudalisierung‹ erst nach dem sozialen Tod des Feudalismus bzw. des Adels und dann wieder in beschränktem Umfang eintrat.« (Niedergang, 45)

»Die Durchsetzung der bürokratischen Organisation auf der Ebene des Großunternehmens und der Wirtschaft im allgemeinen bedeutete, daß manche spezifisch bürgerliche Eigenschaft oder Tugend überflüssig, wenn nicht schädlich wurde. Die speziellen technischen Kenntnisse werden nun wichtiger als die allgemeinen, die Kluft zwischen Arbeit oder Technik und Kultur vertieft sich« (Niedergang, 184)

»Das Bürgertum besaß soziale (vor allem wirtschaftliche) Macht viel früher als es zur ausschließlichen oder (sehr oft) geteilten politischen Herrschaft gelangen konnte. Der Widerspruch zwischen dem Besitz von (begrenzter) Macht und dem (weitgehenden) Fehlen von Herrschaft zwang zu ideologischen Kompromissen, die psychologisch gesehen den ambivalenten Zustand einer Klasse widerspiegelten, welche die traditionelle Weltanschauung der societas civilis herausfordern, gleichzeitig aber feststellen mußte, daß sich die Herrschaftsinstrumente in fremden Händen befanden, und daher (gern oder ungern) dazu neigte, ihre Herausforderung inhaltlich zu mäßigen, teils in die Sprache des Gegners zu übersetzen, also formal abzuschwächen« (Niedergang, 24)

»Die soziale Vorherrschaft des Bürgertums dauerte nicht lange, wenn man universalgeschichtliche Maßstäbe anlegt; außerdem mußte sie sehr oft mit anderen Klassen oder Schichten geteilt werden – in manchen Ländern mit den noch immer mächtigen Überbleibseln des Adels, in anderen mit einem selbstbewußten Bauerntum und schließlich in zunehmendem Maße mit der organisierten Arbeiterbewegung innerhalb der sich formierenden Massengesellschaft und -demokratie« (Niedergang, 51)

»Das Bürgertum war die erste Klasse in der Geschichte, die den eigenen Herrschaftsanspruch mit der grundsätzlichen Forderung nach Öffnung der Gesellschaft und nach freier Entfaltung der in ihr miteinander konkurrierenden Kräfte verbunden hat. Die scheinbare Paradoxie bestand also darin, daß bürgerliche Herrschaft nur im Rahmen einer ökonomisch, sozial und ideologisch pluralistischen Gesellschaft möglich war. Natürlich bemühte sich das Bürgertum nach Kräften, diesen Pluralismus in den Grenzen zu halten, die für das Funktionieren des Systems unbedingt erforderlich waren, dies konnte indes nur teilweise und nur vorläufig gelingen. Die freie Konkurrenz innerhalb einer prinzipiell offenen Gesellschaft, die ständische Schranken nicht mehr kannte, entwickelte die eigene Dynamik und Logik, so daß aus dem Schoß dieses selben Pluralismus, der für die Entfaltung der sozialen und politischen Tätigkeit des Bürgertums unentbehrlich war, die Feinde von Bürgertum und Bürgerlichkeit hervorgehen mußten.« (Niedergang, 51)

»Die Parole von der Dekadenz kam bereits bei den Vorläufern der Moderne, also zu einer Zeit auf, als sich das Bürgertum auf dem Höhepunkt seines Selbstgefühls als Macher der Geschichte befand, und sie wandte sich gegen die bürgerliche Fortschrittsidee, von der sich der Ästhet in seinem elitären Bewußtsein aus zwei Gründen absetzen wollte: einerseits weil er das philisterhafte Bedürfnis nach Sicherheit überhaupt verabscheute und daher im Glauben an den Fortschritt einen schlauen Kunstgriff des Bürgers erblickte, der zusätzliche Geborgenheit in angeblichen Gewißheiten über den Geschichtsablauf suchte; und andererseits weil die Fortschrittsidee bei allen ad hoc Modifizierungen und Abwandlungen von Bürgerlichen, Demokraten und Sozialisten gleichermaßen geteilt wurde, was ihre Vulgarität zu bestätigen schien. Gerade diese antisozialistische Spitze der Dekadenzideologie und Stimmung machte in einer späteren Phase, als der Feind von unten übermächtig wurde, Teile des Bürgertums für sie empfänglich, was wiederum auf der linken Seite des politisch-literarischen Spektrums die propagandistisch nützliche optische Täuschung entstehen ließ, die ›dekadenten‹ Ästheten hätten ursprünglich ›bürgerlich-reaktionäre‹ Idee artikuliert« (Niedergang, 60)

»Populismus ist demnach die Art und Weise, wie der Gegensatz zwischen dem Grundsatz der allgemeinen Gleichheit und der (vorläufigen) faktischen Herrschaft einer Elite unter den Bedingungen massendemokratischer Politik (vorläufig) überbrückt wird« (Niedergang, 199)

»Dennoch hat die Massendemokratie die Gleichheit des Herrschens ebensowenig verwirklicht wie die Gleichheit des Konsumierens«  (Niedergang, 198)

»Dieser Aspekt des Problems deutet schon auf das Bemühen der Demokraten hin, den bürgerlich-liberalen Topos vom Individualismus derart umzudeuten, daß sich aus dem individualistischen Grundsatz ein materielles Gleichheitsideal ergeben müßte« (Niedergang, 175)

»Aber auch nach dem gänzlichen oder teilweisen politischen Sieg des Bürgertums zeichnete sich die Hauptströmung bürgerlicher Ideologie durch die Suche nach dem juste milieu aus – diesmal … im Hinblick auf die Gefahr von unten, zumal sich die Ideologen der sozialen Demokratie ursprünglich bürgerliche Parolen zu eigen machten, um ihnen neuen Inhalt zu geben. Dadurch wurde das Bürgertum in die Enge getrieben, und es sah sich gezwungen, sich von der radikalen Uminterpretation der eigenen Schlagworte zunehmend zu distanzieren …« (Niedergang, 24)

»Im Spannungsfeld des Dilemmas eines Staates zu bedürfen, der nicht mehr (ganz) bürgerlich ist, und diesen Staat zu bekämpfen, weil er nicht mehr der bürgerliche sein kann, gestaltet sich die zeitgenössische ›konservative‹ [gemeint ist hier: bürgerliche] Einstellung dem modernen Staat gegenüber. Sie spiegelt zunächst die Tatsache wider, daß das Bürgertum nicht nur nicht allein herrscht, sondern auch die Zuversicht des Herrschers verloren hat und auf Gnade des Staates, zumal seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik lebt. Dieser Verlust von Zuversicht, der gleichzeitig ein Verlust von Lebensfähigkeit bedeutet, macht sich z.B. daran bemerkbar, daß sich das Bürgertum und seine ›konservative‹ politische Vertretung mit gemischten privat-staatlichen Eigentumsformen in der Industrie oder mit der Idee und der Tatsache der Staatskontrolle versöhnt, wenn dies eine ungefährdete Gewächshausexistenz verspricht und gestattet.« (Konservatismus, 48)

»Die zeitgenössische weltweite soziale Wirklichkeit, in der der Trichter der Massendemokratie jede andere Hierarchie außer derjenigen des Reichtums nivelliert hat, wird andererseits auf ein ebenso flaches Weltbild projiziert, auf dem die säkularen Entsprechungen der waagerechten und senkrechten sozialen Mobilität herrschen, das heißt die stete Herstellung und Auflösung der vielfältigsten Kombinationen.«  (Seite 12 der Online-Fassung unter http://kondylis.net/Interview2,2.pdf abgedruckt in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 60.Jahrgang, 2012, Heft 3, Seite 397-418)

»Das Prickelnde ist, dass die Anhänger des vorläufig kapitalistischen Liberalismus von fast derselben Geschichtsphilosophie ausgehen wie früher die Marxisten: Sie reden, als durchlaufe die Geschichte, wenn auch nach vorläufigen Umwegen, eine geradlinige Fahrstrecke, an deren Ende zwangsläufig eine einheitliche und friedliche Welt stehe. Ebenso meinen die Anhänger des Liberalismus wie die Marxisten, dass die ökonomischen Faktoren, das heißt die Entfaltung der produktiven Kräfte und die Verschachtelung der Wirtschaften, die bewegenden Kräfte des historischen Fortschritts darstellen, die den Krieg durch den Handel ersetzen werden. In verschiedenen Texten habe ich die gemeinsamen Voraussetzungen der marxistischen und der liberalen Utopie aus der Sicht der Ideengeschichte analysiert. Wie die Marxisten den Schiffbruch ihrer Utopie erlebt haben, so werden die Liberalen in Kürze vor den Ruinen ihrer eigenen Utopie stehen, welche die fürchterlichen Kämpfe der Güterverteilung im 21. Jahrhundert zerstören werden.« (Seite 21 der Online-Ausgabe unter http://kondylis.net/Interview2,2.pdf, abgedruckt in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 60.Jahrgang, 2012, Heft 3, Seite 397-418)

»Der interessenorientierte und kalkulierende homo oeconomicus war gewiß ein Konstrukt bürgerlich-liberalen Ursprungs, dieses Konstrukt umspannte aber nicht das ganze Spektrum bürgerlich-liberalen Denkens, sondern es bestand und wirkte neben heterogenen oder gar entgegengesetzten ethischen und anthropologischen Motiven.« (Das Politische und der Mensch , I.2. Seite 32)

»Hayek spricht sich ja nicht für den Individualismus schlechthin aus, sondern für den ›echten‹, der sich von Tradition, Konvention, Familie etc. nicht lösen will . Es handelt sich hier um die bekannten Thesen des vornehmlich mit Röpkes Namen verbundenen ›Neoliberalismus‹, welcher in Wirklichkeit den Versuch einer Rückkehr zum klassischen, sich gegen demokratische und ›jacobinische‹ Tendenzen abgrenzenden Liberalismus bildete. Der liberale Individualismus wird in diesem Denkschema vorbehaltlos gegen den ›totalitären‹ Kollektivismus sowie gegen einschneidende Eingriffe des (westlichen) Staates in Wirtschaft und Privateigentum gutgeheißen; er wird hingegen sehr mißtrauisch angesehen, sobald er sich im Bündnis mit dem Militarismus und dem Eudämonismus in einen planenden Rationalismus verwandelt und eine wohlfahrtsstaatliche Massendemokratie schafft; ein solcher Rationalismus, mag er sich im Namen von Schutz und Wohlstand des Individuums betätigen, führe den Kollektivismus durch die Hintertür ein.« (Das Politische und der Mensch II.,2.C.a., Seite 142)

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