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"Wie ich gerade angedeutet habe, braucht man nicht ein Anhänger Schmitts zu sein, um zu wissen, dass es in der Politik Feinde und Freunde gibt. Es handelt sich um eine Erfahrung, die so alt ist wie die Welt. Eine Erfahrung, die seit uralten Zeiten jeder Art von sprichwörtlichen, philosophischen oder juristischen Aussagen eingeprägt ist. [...] Persönlich brauchte ich nichts bei Carl Schmitt zu lernen, was ich nicht bereits vom Studium der Geschichte der Vergangenheit und der Gegenwart wusste, oder von politischen Denkern, wie Thukydides, Machiavelli oder Max Weber. Ich habe übrigens das Werk Carl Schmitts viel später als diese Autoren gelesen, und obwohl ich, wie jeder die Schönheit liebende Leser, seinen wunderbaren Stil sehr schätze, so erkenne ich bei ihm versteckte logische Lücken oder Fehler. Ich erklärte, warum seine Definition der Politik verfehlt ist (meines Wissens bin ich der erste, der Schmitt aus dieser Perspektive kritisiert), aber ich bin ebenso gegen die Art und Weise, in der Schmitt einen anderen zentralen Begriff definiert, nämlich den Begriff der Entscheidung." (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

"Der aufmerksame Leser meines Buches Macht und Entscheidung weiß, dass dort eine intensive und ausführliche Kritik an dem geübt wird, was ich die „militante Theorie der Entscheidung“ nenne, der ich die „deskriptive Theorie der Entscheidung“ gegenüberstelle. Die erste verbindet Schmitt mit der Existenzial-Philosophie der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und unterstellt ihm, deren logische und pragmatologische Mängel oder Missdeutungen übernommen zu haben. Trotz seiner Polemik gegen den liberal-kantischen Moralismus betrachtete der Existenzialismus eigentlich die Entscheidung moralisch-normativ, das heißt, er erhob sie zu einem „echten“ Ausdruck der „echten“ Existenz im Gegensatz zu den Automatismen, die das Leben der „unechten“ anonymen Masse oder der entäußerten Person beherrschen. Aber keine Theorie der Entscheidung kann theoretisch genügen, wenn sie nicht folgende Unterscheidungen trifft: nämlich zwischen der Entscheidung im Sinne einer Neubildung einer Weltanschauung und einer Identität einerseits und andererseits der Entscheidung im Sinne einer Option zwischen zwei bereits vorhandenen alternativen Lösungen auf Grund einer bereits gebildeten Weltanschauung und Identität. Wenn wir die Dinge so sehen, stellen wir fest, dass jedes Subjekt Entscheidungen trifft, da sich kein Subjekt ohne Weltanschauung und ohne Identität in der Welt orientieren kann. Die Entscheidung wird somit als ein deskriptiver Begriff wahrgenommen, das heißt, es wird nur festgestellt, dass jedes Subjekt unausweichlich so oder so entscheidet, und sie wird nicht als ein normativ-engagierter Begriff wahrgenommen, das heißt, das Subjekt wird zu keiner „richtigen“ Entscheidung angewiesen, die als eine „richtige“ Option zwischen alternativen Lösungen gilt. Der Fehler der engagierten Theorie der Entscheidung, die Schmitt zusammen mit existenzialistischen Philosophen und Theologen vertritt, ist folgender: Indem er die Entscheidung mit der „richtigen“ Entscheidung identifiziert, trennt er die sozialen und politischen Subjekte in solche, die Entscheidungen treffen, und solche, die sich weigern, eine Entscheidung zu treffen. Aber auf diese Weise verewigen sich bloß die verschiedenen Vorurteile, gegen welche der Existenzialismus kämpfte. Denn die Urteile der verschiedenen Subjekte über sich selbst werden in ihrem Nennwert aufgefasst. Dabei wird postuliert, dass derjenige, der sich theoretisch zu der großen Entscheidung bekennt, diese auch in größerem Maß oder gar besser verwirklicht als derjenige, der sich theoretisch gegen sie ausspricht und seine eigene Haltung nicht als ein Resultat existenzieller Entscheidungen, also wahrscheinlich willkürlicher Entscheidungen vorgibt, sondern als das Resultat eines Befehls, der von überpersönlichen und objektiven Prinzipien ausgeht (Logos, Geschichte, Gott, Natur und so weiter). Aber die Frage, ob jemand für oder gegen die Entscheidung auf philosophischer, theologischer oder politischer Ebene sein wird, besagt nichts darüber, was er selbst tut, sondern sie hängt von den konkreten Umständen an der Front der Ideen ab, nämlich von dem, was seine Gegner vertreten." (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

"9n meinen verschiedenen Arbeiten (zum Beispiel in meinem Buch über den Konservativismus [1986] und vor allem in einem besonderen Text, der auf Griechisch als Nachwort der Übersetzung von Schmitts Politische Theologie veröffentlicht wurde [P. Kondylis, Jurisprudenz, Ausnahmezustand und Entscheidung. Grundsätzliche Bemerkungen zu Carl Schmitts „Politische Theologie“, in: Der Staat, 34 (1995), 325-357] zeigte ich die Mängel der Auffassungen von Schmitt auch in einer Reihe anderer Probleme: am Problem der Herrschaft und des Ausnahmezustands, am Problem der erkenntnistheoretischen Grenzen der Rechtswissenschaft oder am Problem der politischen Romantik. Es erübrigt sich, dies hier zu wiederholen. Ich möchte aber allgemein bemerken, dass ebenso wie die Begriffe des Feindes und des Freundes keineswegs Schöpfungen von Schmitt sind, auch der Begriff der Entscheidung weder von ihm erfunden noch von ihm eingeführt wurde. Bekanntlich hat Kierkegaard diesen Begriff in die zeitgenössische Philosophie eingeführt, und er wurde mit vielfältigen Inhalten verbunden. Diejenigen, die ihn übernahmen, waren beispielsweise keineswegs Freunde des Nationalsozialismus, wie manche Ignoranten glauben, sondern viele waren dessen konsequente Gegner (Jaspers, Barth). Nur sehr oberflächliche Leser können substanzielle Gemeinsamkeiten im Werk von Schmitt und in meinen Analysen entdecken, nämlich solche Leser, deren abhängige Reflexe auf bestimmte Signalwörter reagieren, während der Verstand in sehr langsamen Rhythmen arbeitet." (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

"Nachdem ich die Diskussionen um Schmitt aus der Nähe verfolgt habe, habe ich den Eindruck, es sei etwas Paradoxes geschehen: Er wurde als Denker überschätzt, gerade weil seine Feinde ihn geradezu in eine dämonische Figur verwandelten, indem sie seine relativ kurzlebige Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten und – fälschlicherweise – die Gesamtheit seines Werkes auf diese Zusammenarbeit zurückführten. Auf diese Weise erreichten sie das Gegenteil von dem, was sie bezweckten, das heißt, sie richteten die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn und machten ihn fast zu einem Klassiker. Erlauben Sie mir, nüchterner zu sein: Weder überschätze ich Schmitt, noch halte ich ihn für unbedeutend, ich bin weder sein Freund noch sein Feind, um mich in seiner Sprache auszudrücken." (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

"Die strukturellen Entsprechungen zwischen den theologischen und politischen Begriffen waren keine bahnbrechenden Entdeckungen Schmitts. Er selber hat ausdrücklich und ausführlich auf anti-revolutionäre Theoretiker des 18. und 19. Jahrhunderts verwiesen, vor allem auf Bonald und Donoso Cortés, die auf die Parallelen der begrifflichen Struktur und auf die politischen Osmosen zwischen Absolutismus und Theismus, Liberalismus und Deismus, Demokratie und Pantheismus oder Atheismus eindrücklich hingewiesen haben. Die marxistische Analyse der sozialen Ideologien gelangte zu ähnlichen Ergebnissen, indem sie an verschiedenen historischen Beispielen aufzeigte, dass die Gesellschaften die Welt der Götter in Analogie zu der Hierarchie der gesellschaftlichen Beziehungen darstellen. Oder jedenfalls so, dass die Auffassung vom Jenseits ontologisch und moralisch das im Diesseits Geschehende legitimiert" (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

"Nun geben Schmitt und seine anti-revolutionären Inspiratoren dem Jenseits auf der theologischen Ebene die Priorität, das heißt, sie schöpfen die politischen Entscheidungen aus den theologischen (während die marxistische Analyse umgekehrt vorgeht), denn sie interessieren sich allgemein dafür, das Ansehen der Theologie hoch zu halten, um diese gegen den bürgerlich-liberalen Rationalismus zu verwenden. Bekanntlich wurden nicht nur im 19., sondern auch im 20. Jahrhundert der bürgerliche Liberalismus oder seine massendemokratische Weiterentwicklung sowohl von „links“ als auch von „rechts“ bekämpft, und ein Teil seiner „rechten“ Feinde bezog seine ideologischen Waffen aus der vorbürgerlichen Vergangenheit, indem er jedoch die theologischen mit ästhetischen Motiven zusammenschmolz und diese modernisierte, während ein anderer Teil auf eine Erneuerung heidnischer Mythologeme (Nationalsozialismus, Faschismus) auswich. Da Schmitt aus diesen Gründen den Primat der Theologie akzeptiert, hält er fälschlicherweise die säkularisierten ideologischen Formeln für bloße Derivate der Theologie oder für deren blassen Abglanz. Die zeitliche Priorität der Theologie beweist jedoch keineswegs ihre strukturelle begriffliche Priorität. Vielmehr ist die strukturelle Entsprechung theologischer und säkularisierter oder säkularer Begriffe auf die gemeinsame Unterordnung beider unter höhere und allgemeinere Strukturen des Denkens zurückzuführen, verwoben mit anthropologischen und kulturellen Konstanten. Die Unterscheidung von Jenseits und Diesseits ist als begriffliche Struktur bereits durch den Glauben an den Sinn des Lebens gegeben, unabhängig von ihren theologischen oder nicht-theologischen Rationalisierungen. Allerdings würde die Erforschung eines solchen Problems, dessen Formulierung schon den Horizont von Carl Schmitt überschreitet, uns zu weit führen." (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

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