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"Zweifellos hat während eines halben Jahrhunderts (das heißt seit dem Beginn des Partisanenkrieges in China bis zum Rückzug der Amerikaner aus Vietnam) der Partisanenkrieg das planetarische Geschehen geprägt, indem er wesentlich zum Zerfall der Kolonialimperien und zur Bildung von Zentren beitrug, die mit dem Westen konkurrierten. Aus dieser Tatsache lässt sich aber nicht ableiten, dass der Partisanenkrieg einen universalen Wert hat und jeden Widerstand beugen kann, sondern vielmehr, dass er als ein Phänomen größeren Umfangs zu einer besonderen Zeit gehört und mit besonderen Umständen verbunden ist."  (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

"Der Partisanenkrieg war erfolgreich vor allem im Kampf der Kolonialvölker oder Halbkolonialvölker gegen einen fremden Herrscher, der stammesmäßig und kulturell ein fremder Körper innerhalb der einheimischen Gesellschaft blieb. In den wenigen Fällen, in denen der Partisanenkrieg eine besondere Bewegung oder Partei an die Macht brachte, geschah dies, weil das ungeordnete Heer bereits ausreichend stark war, um substanziell in ein geordnetes Heer, ein diszipliniertes und hierarchisch organisiertes verwandelt zu werden. Was ein Partisanenkrieg zu sein schien, war in Wirklichkeit zum indest im letzten Stadium ein Kampf zwischen Soldaten, den das stärkere Heer gewann. Dies bedeutet, dass dort, wo das geordnete Heer – aus allgemeinen sozialen und politischen Gründen – keine Symptome der Desorganisation und der Auflösung zeigte, die Partisanentruppen keine ernsthaften Möglichkeiten hatten, als Sieger aus dem Streit hervorzugehen. Außerdem haben für den Ausgang des Bruderkrieges die auswärtigen Mächte eine entscheidende Rolle gespielt, nämlich der jeweils „interessierte Dritte“ und die materielle oder andere Hilfe, die er an die eine oder andere einheimische Fraktion lieferte. Ohne das militärische Material, das die Sowjetunion in den 1970er Jahren an Vietnam lieferte, wäre es fraglich gewesen, ob der Partisanenkrieg trotz der unbezweifelbaren Tapferkeit der kommunistischen Kämpfer diesen Ausgang genommen hätte." (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

"Die Prognose, der klassische, massenhafte Partisanenkrieg werde keine entscheidende Rolle spielen und als Phänomen eher schwinden, wird durch zwei zusätzliche Tatsachen verstärkt: einerseits ist es die Tatsache der Multiplizierung und Verfeinerung der Waffen, die gegen Partisanengruppen von einem flexiblen, geordneten Heer gebraucht werden können, und andererseits die Tatsache der radikalen Änderung der demographischen Voraussetzungen und der Umweltbedingungen. Die erste dieser beiden Tatsachen verleiht heute der alten Feststellung zusätzliches Gewicht, dass dort, wo das geordnete Heer nicht zerfällt, die Partisanentruppen keine Chance zu einem Sieg haben. Die zweite Tatsache fällt nicht weniger ins Gewicht. Die drastische Entlaubung der Wälder, die Öffnung des Landes für den Verkehr und vor allem die radikale Ballung von Bevölkerungen in den Städten nehmen dem klassischen Partisanen den Raum, in dem er, nach Mao Tse Tung, sich wie der Fisch im Wasser bewegen könne." (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

"Im klassischen Partisanenkrieg hatte derjenige, der auf dem Land dominierte, die Möglichkeit, die Städte zu belagern. Heute bedeutet die Herrschaft auf Teilen des Landes nicht viel, wie zum Beispiel die Erfahrung in Peru zeigt. Diese Umkehrung des Bildes bedeutet natürlich nicht, dass die unorthodoxen Formen des Krieges beendet sind und in Zukunft das „Gesetz und die Ordnung“ der Herrschenden sich problemlos durchsetzen werden. Es bedeutet aber, dass die Szene der unorthodoxen Formen des Krieges weniger das Land, sondern eher die Städte sein werden, und dass an Stelle des klassischen Partisanenkrieges eine neue Form von Terrorismus treten wird, der von eher kleinen und flexiblen Gruppen ausgeht. Ich nenne diesen Terrorismus „neu“, denn er wird sich nicht in mörderischen Attentaten gegen Personen erschöpfen, wie es im vorrevolutionären Russland geschah und sich in Deutschland und in Italien vor allem in den 1970er Jahren ereignete. Vielleicht waren solche Terroranschläge spektakulär, allerdings waren und sind sie eigentlich unfähig, das Funktionieren der Gesellschaft ernsthaft zu beeinflussen. Heute existieren ganz andere Möglichkeiten, und diese Möglichkeiten bietet die Struktur der hochtechnologischen Gesellschaft, die auf den ersten Blick unendlich komplexer, verzweigter und fragmentarischer ist, während ihr Funktionieren in Wirklichkeit von relativ kleinen Energie- und Informationszentren abhängt. Deshalb ist diese Gesellschaft in ihrer Gesamtheit so verwundbar, wie es keine andere Gesellschaft in der Vergangenheit war. Wenn die Terroranschläge mit ausreichendem technischen Wissen und Konsequenz auf die kritischen Nervenzentren zielen, dann ist gewiss, dass sie eine moderne Gesellschaft beugen können." (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

"Auf Grund der Veränderungen in den objektiven Gegebenheiten weltweit komme ich zu dem Ergebnis, dass die Zeit des Partisanenkrieges der Vergangenheit angehört und wir in das Zeitalter des Terrorismus eintreten, der in manchen Fällen sich mit Formen des Partisanenkrieges der Städte vermischen kann. Es versteht sich, dass so wie der klassische Partisanenkrieg auch der Terrorismus erst dann politische Perspektiven haben wird, wenn sein Höhepunkt mit einer tiefen und lang anhaltenden sozialen Krise zusammenfällt" (Interview mit Sp. Koutroulis http://kondylis.net/Interview2,2.pdf)

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